{"id":1171,"date":"2015-07-02T15:12:23","date_gmt":"2015-07-02T15:12:23","guid":{"rendered":"http:\/\/127.0.0.1:4001\/wordpress\/100-jahre-zimmerwald-sgb-2015\/"},"modified":"2022-03-11T14:20:37","modified_gmt":"2022-03-11T14:20:37","slug":"100-jahre-zimmerwald-sgb-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/global-labour.info\/de\/2015\/07\/02\/100-jahre-zimmerwald-sgb-2015\/","title":{"rendered":"100 Jahre Zimmerwald (Ewald Ackermann, SGB, 2 July 2015)"},"content":{"rendered":"<p>Robert Grimm gegen Lenin. Einer setzt sich durch, der andere setzt sich ab. Daraus w\u00e4chst Weltgeschichte, 1915 in der Berner Landgemeinde Zimmerwald. Denn da treffen sich Vertreter\/innen der sozialistischen Opposition zu einer Geheimkonferenz, um gegen den Krieg und f\u00fcr eine Wiedergeburt des Klassenkampfs anzutreten. In den ersten Septembertagen dieses Jahres wird das 100-Jahre-Jubil\u00e4um der Zimmerwalder-Konferenz gefeiert.<\/p>\n<p>Eines der Hauptziele der 1889 gegr\u00fcndeten Zweiten sozialistischen Internationalen ist die friedliche Verst\u00e4ndigung der V\u00f6lker. Noch im Basler Kongress vom Herbst 1912 wehren sich die darin vereinten sozialistischen Parteien gegen einen Krieg und beschw\u00f6ren inter-nationale proletarische Solidarit\u00e4t. Der Feind, so die gemeinsame Einsicht, sei nicht der Arbeiter jenseits der Grenze sondern der Boss in der N\u00e4he, oben. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, im Sommer 1914, bricht diese Solidarit\u00e4t zusammen. Die sozialistischen Parteien der kriegf\u00fchrenden Staaten nehmen grossmehrheitlich einen engen nationalen Blickwinkel ein, akzeptieren den Krieg als einen der Verteidigung und stimmen den Kriegskrediten zu. Auch in der Schweiz setzt sich der Burgfrieden durch. Als einer der ersten erkennt Robert Grimm, der f\u00fchrende Kopf in der SPS, dass die Arbeiterklasse die Zeche dieser Einigung zu zahlen hat. Grimm ist die treibende Kraft in einer Minderheitsgruppe in der SPS, die versucht, nationale Identit\u00e4t durch Klassensolidarit\u00e4t zu ersetzen. Deshalb will er europaweit die kriegsablehnenden Minderheitsfl\u00fcgel der nationalen sozialistischen Parteien vereinen. Ziel: die sozialistischen Parteien auf Antikriegskurs bringen. Die SPS kann er nicht \u00fcberzeugen, hier die guten Dienste anzubieten. Es \u00fcberwiegt die Angst, man k\u00f6nnte die deutschen Genossen ver\u00e4rgern. Grimm bekommt jedoch von der Parteileitung die Freiheit, selbst etwas zu versuchen.<\/p>\n<p><strong>Geheimtreffen gegen den Krieg und f\u00fcr den Klassenkampf<br \/>\n<\/strong>Und das tut er. Grimm und seine kleine Schar, unterst\u00fctzt von italienischen Genoss\/innen, berufen f\u00fcr den 5. bis 8. September 1915 mehr als 40 Vertreter diverser linker SP-Fl\u00fcgel zu einer Konferenz nach Zimmerwald ein, einem Bauerndorf s\u00fcdlich von Bern. Die Tagung ist geheim. Denn die Teilnehmenden, besonders diejenigen der Kriegsstaaten, m\u00fcssen vor Racheakten und Verratsvorw\u00fcrfen gesch\u00fctzt werden. Deshalb melden sie sich als Vogelkundler an. Und niemand merkt bis zu den ersten Publikationen der Teilnehmenden, wer sich da in Zimmerwald getroffen hat\u2026<\/p>\n<p><strong>Lenin in der Minderheit<br \/>\n<\/strong>Viele Teilnehmer\/innen wurden sp\u00e4ter ber\u00fchmt, weil sie dann an der Spitze der sozialistischen oder kommunistischen Parteien standen. Allen voran gilt dies f\u00fcr Lenin, der sich damals noch im schweizerischen Exil befand. Er und seine Getreuen wollten den Krieg nutzen, um in gewaltsamer Erhebung die Macht zu ergreifen. Die \u201elinken Zentristen\u201c rund um Grimm jedoch wollten den Krieg beenden, ihre Losung heisst Klassenkampf, den gewaltsamen Umsturz lehnen sie jedoch ab. Lenin kann sich jedoch in Zimmerwald nicht durchsetzen, ebenso wenig ein Jahr sp\u00e4ter auf der Nachfolgekonferenz in Kiental, daf\u00fcr aber 1917 auf dem russischen Terrain selbst. In der 3. Konferenz der Zimmerwalder Bewegung, die im September 1917 in Stockholm stattfand, kam es zum Bruch zwischen der Linken und den Zentristen. Die in Russland siegreichen Bolschewisten riefen bald darauf die dritte kommunistische Internationale aus.<\/p>\n<p><strong>Beginn der linken Spaltung<\/strong><br \/>\nSoweit eine gedr\u00e4ngte Darstellung. Die Konferenz ist ein wichtiges Ereignis in der Ausdifferenzierung des Sozialismus in die \u2013 vereinfacht \u2013 drei Bl\u00f6cke reformerisch, klassenk\u00e4mpferisch, revolution\u00e4r. Aus sowjetischer Sicht steht sie am Anfang einer \u00f6ffentlich vertretenen Taktik zum Sturz des Regimes und des Aufbaus des R\u00e4tekommunismus. Deshalb verwundert denn auch nicht, dass \u201eZimmerwald\u201c w\u00e4hrend Jahrzehnten f\u00fcr geschichtsbewusste Sowjetb\u00fcrger\/innen zu einem pr\u00e4natalen Ort historischer Identit\u00e4t erhoben wurde. Aus Sicht der (schweizerischen) Sozialdemokratie war und ist \u201eZimmerwald\u201c Beleg, dass Weltgeschichte auch mal hierzulande gemacht werden kann. Dann steht Zimmerwald auch f\u00fcr Courage gegen den Krieg, f\u00fcr internationale proletarische Solidarit\u00e4t und gegen nationalistische Enge. Und schliesslich zeigt \u201eZimmerwald\u201c das Talent von Robert Grimm und den Beginn einer militanten Ausrichtung der Schweizer Arbeiterbewegung, die nur 3 Jahre sp\u00e4ter im Generalstreik gipfeln sollte. Bleibt die Gemeinde Zimmerwald, bauern- und gewerbedominiert, wider Willen zu einem Ruhm gekommen, mit dem sie nichts anzufangen wusste. Und so tat sie die Jahrzehnte hindurch vieles, um zu verstecken, dass sie an drei Tagen im Herbst 1915 die linke Weltgeschichte beherbergt hatte.<\/p>\n<p><strong>Reiche Jubil\u00e4ums-Aktivit\u00e4ten<br \/>\n<\/strong>Viel Stoff also und viel Leidenschaft, die auch 100 Jahre sp\u00e4ter noch nicht erloschen ist. Aber angesicht der Tatsache, dass es die UdSSR nicht mehr gibt, auch viel Entdramatisierung f\u00fcr die Konstellation einer 100-Jahrfeier. So macht denn an den Feierlichkeiten diesmal auch die Gemeinde Zimmerwald mit. Im Regionalmuseum Schwarzwasser in Schwarzenburg gibt es seit zwei Monaten eine Ausstellung zur Konferenz. Sie ist \u2013 jeweils sonntags von 14.00 bis 17.00 \u2013 offen noch bis zum 22.11.2015. Ein Besuch lohnt sich. Die Robert-Grimm-Gesellschaft, unterst\u00fctzt von weiteren Institutionen, hat f\u00fcr 4.\/5. September eine Tagung mit hochkar\u00e4tiger internationaler Besetzung organisiert. Am Nachmittag des 5. Septembers wird dann in Zimmerwald selbst ein Gedenkanlass stattfinden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.regionalmuseum.info\/ausstellung-2015\/\">Infos zur Ausstellung<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/zimmerwald1915.ch\/app_icc\/xt_obj_document.asp?oid=8973&amp;cid=&amp;cmd=FETCH&amp;err=0&amp;\">Infos zur Tagung<\/a><\/p>\n<p>Schwei\u00adze\u00adri\u00adscher Ge\u00adwerk\u00adschafts\u00adbund (SGB | USS)<br \/>\nMon\u00adbi\u00adjoustras\u00adse 61, Post\u00adfach<br \/>\n3000 Bern 23<br \/>\nTe\u00adle\u00adfon: 031 377 01 01<br \/>\nFax: 031 377 01 02<br \/>\nE-Mail: <a href=\"http:\/\/info@\u200bsgb.\u200bch\">info@\u200bsgb.\u200bch<\/a><\/p>\n<p><span style=\"text-indent: 20px;width: auto;padding: 0px 4px 0px 0px;text-align: center;font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif;color: #ffffff;background: #bd081c no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px;cursor: pointer\">Save<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Grimm gegen Lenin. 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